REGINA KNÜNZ

(INTERVIEW + INDOOR FOTOS VON: JULIA KOCH)

Regina hat ihre Kindheitswinter am Arlberg verbracht und sich seit jeher im Schnee wohlgefühlt. Ihre Ausbildungs- und Berufslaufbahn im Tourismusmanagement hat sie immer wieder genutzt um Zeit in den Bergen zu verbringen. Nach einem Auslandssemester in den französischen Alpen, einem Praktikum in den Dolomiten und einigen Monaten in Kanada, arbeitete Regina erst in einer Salzburger Tourismusberatungsfirma, bevor sie ihre Stelle bei den Silvretta Montafon Bergbahnen antrat. Im größten Tourismusunternehmen Vorarlbergs leitete Regina jahrelang die Marketingabteilung und ist stolz darauf, die Entwicklung der Bergbahnen mitgeprägt zu haben. Die Geburt des Sohnes veranlasste sie, neue Wege einzuschlagen. Nach Erlangung der Reisebürokonzession und einem Zwischenstopp bei der Ski-Firma „Kästle“, traf sie dann zum richtigen Zeitpunkt auf Anja Schmidt, „Mastermind“ von exploristas. Gemeinsam entwickelten die beiden das Konzept des Vereins, dessen Vorsitzende Regina heute ist.

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"Für Abenteuer braucht man manchmal Mut und genug Selbstvertrauen, und eben das ist es, was wir mit exploristas fördern möchten."

DU BIST SCHON SEHR FRÜH AUF DEN SKIERN GESTANDEN -
MIT WEM WARST DU DAMALS UNTERWEGS?

Skifahren war eine Familienangelegenheit. Es war nie etwas, für das ich mich bewusst entschieden hätte, es hat einfach schon immer zu meinem Leben dazugehört. Mit Sechszehn hab ich die Ausbildung zur Skilehrerin gemacht und zehn Jahre lang für die Skischule in Lech gearbeitet. Skifahren hat bis heute einfach einen Riesenstellenwert in meinem Leben.

WELCHE ERLEBNISSE AM BERG SIND DIR VON DAMALS DEUTLICH IN ERINNERUNG GEBLIEBEN?

Das erste Mal, eine bestimmte Abfahrt geschafft zu haben, die als besonders schwer galt, das war jedes Mal ein besonderes Erfolgserlebnis. Die Gamsroute (Anm.: Abfahrt in Lech/Zürs, Vlbg.) zum Beispiel - wenn man die geschafft hat, hat man sich schon groß gefühlt. Als kleine Skifahrerin ist man da sehr stolz gewesen.

DU BIST EIN SCHNEEKIND. WIE KAM DENN DANN DAS MOUNTAINBIKE ZU DIR?

Für mich war der Sommer ganz lange nur ein Lückenfüller zwischen zwei Wintersaisonen. Rückblickend habe ich da vielleicht was verpasst, weil ich mich mit den warmen Jahreszeiten nicht anfreunden konnte. Durch meinen Freund habe ich dann das Klettern mehr schätzen gelernt, und nach der Geburt von Vinzent kam das Mountainbiken dazu. Mit den Bikes können wir gemeinsam als Familie losziehen, oder ich kann alleine mit dem Bike raus und den Berg rauf. Da ich im Montafon zuhause bin, brauch ich nur mein Bike und zwei Stunden Zeit. Man kann das Bike aber auch gut überall hin mitnehmen - Wochenendtrips, Urlaub… Oder ich bin gemeinsam mit Bike-Freundinnen unterwegs, die ich mittlerweile gefunden habe. Durch das Biken hab ich jedenfalls gelernt, dass der Sommer auch seine schönen Seiten hat. Mittlerweile kann ich mich schon richtig drauf freuen. (lacht)

WIE WURDEST DU AUF DIE AUSWIRKUNG DES WEIBLICHEN LERNUMFELDS IM SPORT AUFMERKSAM, DAS EXPLORISTAS IN DEN FOKUS RÜCKT?

Eigentlich zufällig. Ich habe vor einigen Jahren an einem Freeride Camp teilgenommen, das nur für Frauen und Mädchen angeboten wurde. Ich hab das ohne spezielle Hintergedanken ausprobiert und erst dort entdeckt, dass es erstens viele sehr gute Skifahrerinnen gibt, die dann meine ersten richtigen Vorbilder wurden. Ich hab Frauen getroffen, die beruflich erfolgreich waren und teilweise schon Kinder hatten, und trotzdem ihre Leidenschaft zum Skifahren nicht aufgegeben hatten. Das war inspirierend, hat Spaß gemacht und hat neue Perspektiven eröffnet - auch abseits der Piste. Und zweitens hab ich bemerkt, wieviel leichter es mir fiel, einer Frau im Gelände nachzufahren, als einem Mann zu folgen. Bei einem männlichen Guide hätte ich vermutlich an vielen Stellen kurz gezögert und überlegt, ob ich diese oder jene Stelle auch (als Frau) schaffen kann. Und genau diese Millisekunde des Zögerns macht dann den Unterschied. Der weiblichen Spur zu folgen, hat mir also eine gewisse Sicherheit gegeben, die mich spontaner und dadurch besser sein ließ. Ein Gedanke, der mir bisher noch nicht gekommen war, und der erst durch die Erfahrung in mir auftauchte. Beim Mountainbiken ist es genau dasselbe. Und es geht meist nur um ganz kleine Dinge - kleine Sprünge oder irgendwo durchzufahren, wo man sich andernfalls nicht durchfahren getraut hätte - aber wenn man jemanden Ähnlichen vor sich hat, der das selbstbewusst einfach macht, dann entsteht das Gefühl, das auch zu können. Kleine Momente, in denen man intuitiv entscheidet, machen dann den großen Unterschied und sind am Ende prägende Erfolgserlebnisse. Mein Freund ist ein extrem guter Skifahrer. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, pusht mich das total. Aber ich bin die ganze Zeit in einem Modus der Vorsicht, was ja auch vernünftig ist, weil ich weiß, dass ich nicht alles einfach nachfahren sollte. Dadurch entscheide ich mich allerdings oft auch gegen Herausforderungen. Auf dem all-female Camp damals habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass ich diese Herausforderungen auch meistern kann, weil ich mich getraut hab, einem weiblichen Vorbild nachzufahren. Ein Schlüsselmoment für mich. Seit damals habe ich jedes Jahr einmal an einem solchen Camp teilgenommen und dort auch meine jetzigen exploristas-Partnerinnen getroffen.

DAS THEMA DES WOMEN’S EMPOWERMENT KAM ALSO ÜBER DEN SPORT ZU DIR…

Ja, absolut. Bisher war mir die Notwendigkeit des Themas nicht bewusst. Zuerst war es ein Gefühl, dann folgten die Gedanken und jetzt schließlich Taten.

 

"Women’s Empowerment bedeutet, Frauen zu fördern und zu fordern, sich gegenseitig zu unterstützen und zu pushen, sodaß Ängste überwunden werden können und das vermeintlich Unmögliche möglich wird."

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DAS PRINZIP DER BESTÄRKUNG DURCH WEIBLICHE VORBILDFUNKTION UND WEIBLICHE UNTERSTÜTZUNG (IM WEIBLICHEN LERNUMFELD) NENNST DU/NENNT IHR „WOMEN’S EMPOWERMENT“…

Women’s Empowerment bedeutet, Frauen zu fördern und zu fordern. Sich gegenseitig zu unterstützen und zu pushen, sodaß Ängste überwunden werden können und das vermeintlich Unmögliche möglich wird. Sich aus der Komfortzone zu trauen, raus in die Berge zu gehen, etwas zu wagen und über sich selbst hinauszuwachsen. exploristas setzt sich durch die Bestärkung der Frauen im Outdoor-Sport mit Spaß, Leichtigkeit und Leidenschaft für die Gleichstellung und Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein.

UND WARUM BRAUCHEN WIR WOMEN’S EMPOWERMENT?

Ich glaube, Männer tun sich vermutlich aufgrund ihrer Geschichte auch heute noch leichter, sich zusammenzuschließen, zu netzwerken und sich gegenseitig zu unterstützen. Wir Frauen erleben das nicht in dieser Form. Meine Erfahrungen haben mir aber gezeigt, dass das Bedürfnis dazu sehr wohl vorhanden ist, insofern also auch nötig. Das heißt nicht, dass wir uns als Frauen von den Männern abgrenzen wollen oder sollen. Es ist eine zusätzliche Möglichkeit, Potential zu entwickeln - durch gegenseitige Bestärkung. Ich selbst habe die Wichtigkeit eines weiblichen Netzwerks und Zusammenhalts bisher sehr unterschätzt. Mir war nicht klar, dass das wichtig oder auch nur sinnvoll sein könnte - ist es aber. Ein Vorankommen funktioniert im Endeffekt nur im Netzwerk, egal in welchem Lebensbereich. Wenn es um Jobs, Budgets, Sponsoren etc. geht, ist das deutlich erkennbar. Der Sport ist u.a. eine Möglichkeit, sich kennenzulernen, Bindungen und ein Netzwerk aufzubauen. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür - ich habe durch Anja zu einer neuen Lebensaufgabe, einem Herzensprojekt gefunden. Die Community spielt also eine wesentliche Rolle, wenn es um Women’s Empowerment geht. Andere Faktoren sind zum Beispiel die mediale Darstellung der Frauen, die Tatsache, wie wir uns selber wahrnehmen oder welche Bilder wir an unsere Kinder weitergeben und wie wir diese großziehen. All diese Aspekte tragen dazu bei, welche Rolle Frauen in der Gesellschaft spielen.

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"Ich glaube an die Fähigkeit, Großes zu erreichen, die in uns allen steckt. Ich glaube an den Wandel, den nicht nur jeder Bub, sondern auch jedes Mädchen in der Welt erreichen kann."

WELCHE KONKRETEN ZIELE HAT EXPLORISTAS?

Derzeit gibt es unsere Website als Angebotsübersicht. Hier finden sich möglichst alle all-female Camps und Events je Region im Überblick. Wir stellen fest, wo es keine entsprechenden Angebote gibt und werden welche initiieren bzw. organisieren. Außerdem unterstützen wir bereits bestehende Events durch mediale Sichtbarkeit und fördern Rolemodels, indem wir Sportlerinnen eine Plattform bieten, ihre Geschichte zu erzählen und ihren Weg aufzuzeigen, der für andere Mädchen und Frauen Inspiration sein kann. Ganz im Sinne von If she can see it, she can be it. Die Verbreitung funktioniert in erster Linie über die sozialen Medien - Instagram, Facebook und unsere Website - es ist aber auch ein TV-Format geplant, sodass wir künftig also auch im Fernsehen für mehr Präsenz sorgen werden. Noch stecken wir in den Startlöchern, aber das Ziel ist eine österreichweite Kampagne, die an Einfluss und Wirksamkeit natürlich über den Bereich der sozialen Medien hinausgehen wird.

HÄLTST DU ES FÜR WICHTIG, DASS KOMMENDE GENERATIONEN MIT EINEM NEUEN MÄDCHEN- UND FRAUENBILD AUFWACHSEN?

Ich überlege derzeit oft, was ich meinem kleinen Sohn mitgebe. Wie ich wohl am besten sein Weltbild - Männer und Frauen einschließend - präge. Die exploristas sind also eine Seite, durch die ich zum Thema beitragen kann, und Vinzent ist eine andere, die ganz persönliche Seite. Also ja, ich halte es für absolut notwendig, die Rollenbilder von Mann und Frau weiterzuentwickeln und speziell die Sichtbarkeit von Frauen noch zu erhöhen. Als Eltern prägen wir die kommende Generation und somit auch diese Entwicklung. Wir sind nicht nur für unsere eigene Entwicklung verantwortlich, sondern auch für die der zukünftigen Männer, die einmal an der Seite der zukünftigen Frauen stehen werden. Meine Beziehung zu unserem Sohn beeinflusst sein Frauenbild, und ich möchte, dass er jedem Menschen mit Respekt begegnen kann. Vinzent ist jetzt drei und hat letzten Winter unzählige Tage auf den Skiern verbracht. Er hat das Glück, dass beide Elternteile gerne und viel mit ihm unterwegs sind. Er lernt viel von seinem Papa, aber ich bin auch viel mit ihm unterwegs. Für mich steigt die Motivation, selbst Gas zu geben, weil ich noch lange mit ihm mithalten können will. (lacht) Auf seinem Rad zeigt er mir jetzt schon, wie man einen Pumptrack (Anm.: Mountainbikestrecke) fährt.

BESTEHT DIE GEFAHR, DASS DIE INITIATIVE EXPLORISTAS NICHT NUR BEREICHERND, SONDERN AUCH GESCHLECHTER TRENNEND VERSTANDEN WERDEN KÖNNTE? WIE WÜRDEST DU AUF SOLCHE BEFÜRCHTUNGEN ANTWORTEN?

Es geht um alle. Nicht nur um Frauen, sondern auch um die Köpfe der Männer, also um eine Sensibilisierung. Es geht darum, wie wir unsere Rollenbilder weiterentwickeln, wie wir Männer Frauen sehen, und wie Frauen sich selbst wahrnehmen - es ist eine gemeinsame Aufgabe und betrifft Männer genauso. Sei es zum Beispiel im Journalismus oder als Sport-Guide. Die Erfahrung, als männlicher Ski-Guide eine Frauengruppe zu leiten, ist ebenso bereichern wie umgekehrt und prägt auch den Guide, nicht nur die Teilnehmerinnen. Wir lernen uns besser verstehen und miteinander umzugehen.

ES PROFITIEREN ALSO AUCH DIE MÄNNER VON DER ENTWICKLUNG DES WOMEN’S EMPOWERMENT?

Ja, sie haben auch bisher davon profitiert. Allerdings nur jene, die selbstbewusste und starke Frauen schätzen. Es wird auch Frauen geben, die nicht davon profitieren (wollen). Feminismus ist eine Bereicherung, die viele - Männer wie Frauen - erst noch entdecken müssen. Aber es tut uns gut, Farbe zu bekennen und dafür einzustehen, was wir wichtig finden: die Gleichstellung.

 

 

"Surround yourself with people who make you hungry for life, touch your heart and nourish your soul."

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WIE PROFITIERST DU SELBST VON WOMEN’S EMPOWERMENT UND VOM WEIBLICHEN LERNUMFELD, DER WEIBLICHEN SPORT-COMMUNITY?

Auf so viele Arten. Für mich sind durch die Sport-Community neue Freundschaften entstanden, ich habe neue Orte kennengelernt und neue Leidenschaften entwickelt. Es haben sich auf diesem Weg für mich viele neue Türen geöffnet. Außerdem ist das Gefühl gewachsen, für andere eine gute Partnerin sein zu können - sowohl für Gefährtinnen als auch in meiner Beziehung. Ich empfinde die Entwicklung bisher als durchwegs bereichernd für mein Leben.

WAS MÖCHTEST DU SELBST ALS ROLEMODEL KOMMENDEN EXPLORISTAS MITGEBEN?

Ich möchte mein Umfeld dazu inspirieren, ebenfalls ein wenig aus der eigenen Komfortzone auszubrechen und Neues zu wagen. Sich einfach mehr zuzutrauen. Meinem Empfinden nach öffnen aber eben diese kleinen Abenteuer, die außerhalb des gewohnten Umfelds liegen, neue Perspektiven und bereichern das Leben. Dazu braucht man manchmal Mut und genug Selbstvertrauen, und eben das ist es, was wir mit exploristas fördern möchten. Es geht ja nicht darum, gleich den Mount Everest zu besteigen, es geht nur um den nächsten kleinen Schritt. Es muss nicht mal ein großer sein, solange man einen kleinen Schritt macht, bewegt man sich. Es kreist bei exploristas alles im wahrsten Sinne des Wortes um Bewegung. Und darum, sich mit Gleichgesinnten und Vorbildern zu umgeben und daraus sowohl Motivation als auch Stärke für die nächsten Schritte zu ziehen. Surround yourself with people who make you hungry for life, touch your heart and nourish your soul. Ich glaube an die Fähigkeit, Großes zu erreichen, die in uns allen steckt. Ich glaube an den Wandel, den nicht nur jeder Bub, sondern auch jedes Mädchen in der Welt erreichen kann. Frauen müssen lernen, sich, ihre Träume und ihre Ideen sichtbar zu machen und umzusetzen. Und die Gemeinsamkeit kann dieses Vorhaben unterstützen. Gemeinsam erreichen wir die Chancengleichheit. Gemeinsam erreichen wir Gleichberechtigung. Konkurrenzverhalten bringt uns hier nicht weiter. Wir spielen im selben Team und das Zauberwort heißt auf jeden Fall „gemeinsam“.